Parodontalerkrankungen (Zahnfleischerkrankungen) betreffen 80 bis 89 Prozent der Hunde über drei Jahren. Die meisten zeigen keine äusseren Anzeichen, die für Halter erkennbar wären. Eine professionelle Zahnbehandlung behebt das Problem nicht durch optisch sauberere Zähne, sondern indem sie den bakteriellen Biofilm unter dem Zahnfleischrand entfernt, wo die Erkrankung tatsächlich sitzt.

Zahnstein entfernen beim Hund bedeutet mehr als nur reinigen
Der korrekte Fachbegriff für eine professionelle tierzahnärztliche Behandlung lautet vollständige Zahn- und Maulhöhlenuntersuchung mit Behandlung, kurz COHAT. Die reine Reinigung ist dabei nur ein Teilschritt.
Ein COHAT umfasst Röntgenaufnahmen des gesamten Gebisses, die Messung der Zahnfleischtaschentiefe an jedem einzelnen Zahn, die Zahnsteinentfernung ober- und unterhalb des Zahnfleischrands, die Wurzeloberflächenglättung (das Glätten der Zahnwurzeloberfläche zur vollständigen Entfernung verbleibender Ablagerungen), das Polieren und die Spülung. Keiner dieser Schritte ist optional, da jeder auf dem vorherigen aufbaut.
Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose, wobei ein Beatmungsschlauch die Atemwege sichert. Alle massgeblichen internationalen Fachgesellschaften für Tierzahnmedizin setzen dies als verbindlichen Behandlungsstandard voraus.
Wo die Parodontalerkrankung beginnt und warum sie von aussen unsichtbar bleibt
Zahnbelag ist ein bakterieller Biofilm, der sich innerhalb weniger Stunden auf sauberen Zahnoberflächen bildet. Verdickt er sich über mehrere Tage, sinkt der Sauerstoffgehalt in den tieferen Schichten. Dadurch siedeln sich schädliche Bakterien an und regen das Immunsystem des Hundes zur Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe an, welche den zahntragenden Knochen abbauen.
Zahnbelag beginnt sich innerhalb von etwa 48 Stunden nach einer Reinigung zu Zahnstein zu mineralisieren, umgangssprachlich auch Tartar genannt. Zahnstein selbst verursacht die Erkrankung nicht direkt. Seine Rolle ist strukturell: Er bildet eine dauerhaft raue Oberfläche, die den Bakterien Schutz bietet, und je länger er bestehen bleibt, desto schwerer lässt er
Der Ablauf des Eingriffs, Schritt für Schritt
Eine Blutuntersuchung vor der Narkose prüft die Organwerte, die bestimmen, welche Narkosemedikamente eingesetzt werden. Ein Venenkatheter wird gelegt, die Infusionstherapie gestartet, und der Patient wird in Vollnarkose versetzt. Der Beatmungsschlauch schützt die Atemwege danach während des gesamten Eingriffs vor Wasser, Rückständen und Polierpaste.
Bei Eingriffen, die voraussichtlich schmerzhaft sind, etwa Extraktionen oder eine tiefe Wurzeloberflächenglättung, wird die Lokalanästhesie (lokale Nervenblockade) früh gesetzt, direkt nach der Narkoseeinleitung und noch vor Behandlungsbeginn. Das Prinzip entspricht einer örtlichen Betäubung beim Menschen: Der Hund bleibt dabei schmerzfrei, und für den restlichen Eingriff wird weniger Narkosegas benötigt.
Vor jedem weiteren Behandlungsschritt werden Röntgenaufnahmen des gesamten Gebisses angefertigt. Etwa 60 Prozent jedes Zahns liegen unterhalb des Zahnfleischrands. Bei Hunden, deren Zähne bei der Sichtkontrolle völlig unauffällig wirken, zeigt sich bei fast jedem dritten Tier dennoch ein klinisch bedeutsamer Befund, der erst im Röntgenbild sichtbar wird.
Röntgenbilder zeigen mögliche Infektionen an der Zahnwurzelspitze, Knochenverlust, Zahnresorptionen und zurückgebliebene Wurzelreste. Keiner dieser Befunde ist von aussen erkennbar.
Der Zahnarzt misst danach an jedem Zahn des Hundes an sechs Punkten die Zahnfleischtaschentiefe und erfasst Zahnfleischrückgang, Zahnlockerungen und Frakturen. Taschen tiefer als 3 mm deuten in der Regel darauf hin, dass der Zahnhalteapparat bereits geschädigt ist, wobei der genaue Grenzwert von der Grösse des Hundes abhängt. Die normale Zahnfleischtaschentiefe kann sich zwischen einer kleinen und einer grossen Hunderasse unterscheiden, weshalb der Zahnarzt den Messwert entsprechend einordnet.
Die Zahnsteinentfernung entfernt Zahnbelag und Zahnstein ober- und unterhalb des Zahnfleischrands mittels Ultraschallinstrumenten unter kontinuierlicher Wasserspülung, gefolgt vom Einsatz von Handinstrumenten, sogenannten Küretten, für die tieferen Taschen. Die Wurzeloberflächenglättung, bei der die Zahnwurzeloberfläche vollständig von verbleibenden Ablagerungen befreit wird, behandelt die eigentliche Erkrankung und nicht nur die sichtbaren Beläge.
Das Polieren erfolgt mit einem Airflow-Gerät (Pulverstrahlgerät), das feines Pulver und einen Wasserstrahl anstelle einer schleifenden Paste verwendet, was effizienter ist und das Risiko einer Zahnschädigung verringert. Eine aufgeraute Oberfläche hält Zahnbelag leichter fest, und das Polieren glättet sie wieder. Die Zahnfleischtaschen werden anschliessend mit einer antibakteriellen Spüllösung durchspült, um Rückstände und Pulverreste zu entfernen.
Warum Zahnreinigung ohne Narkose keine echte Behandlung ist
Die Zahnreinigung ohne Narkose entfernt lediglich sichtbaren Zahnstein von den von aussen zugänglichen Flächen. Sie erreicht nicht den Bereich unter dem Zahnfleischrand, wo die krankheitsauslösenden Bakterien leben, Zahnfleischtaschen können nicht gemessen werden, und die ungeschützten Atemwege lassen den sicheren Einsatz scharfer Instrumente oder von Flüssigkeit nicht zu. Das Ergebnis ist ein kosmetisch sauberer Zahn bei unbehandelter Infektion.
Zudem handelt es sich um einen belastenden Vorgang, der Zähne und Mundgewebe leicht schädigen kann, besonders wenn sich der Hund dagegen wehrt. Diese Erfahrung erschwert es häufig, dem Hund anschliessend das Zähneputzen oder eine tierärztliche Maulhöhlenkontrolle zuzumuten, weil er die Berührung im Maulbereich fortan mit Schmerz und Festhalten verbindet.
Alle massgeblichen internationalen Fachgesellschaften für Tierzahnmedizin stufen die Zahnreinigung ohne Narkose als unwirksam zur Behandlung von Parodontalerkrankungen ein. Eine klinische Studie aus dem Jahr 2026 bestätigte dies unmittelbar: Bei Hunden, die eine Zahnreinigung ohne Narkose erhielten, zeigte sich vor und nach dem Eingriff keine messbare Verbesserung der Parodontalwerte, während Hunde nach einem vollständigen COHAT unter Narkose einen Rückgang der Krankheitswerte auf nahezu null verzeichneten.
Parodontale Stadieneinteilung und was sie für die Behandlung bedeutet
Parodontalerkrankungen werden anhand von vier Stadien eingeteilt, die pro Zahn unter Narkose beurteilt werden. Stadium 1 umfasst ausschliesslich eine Zahnfleischentzündung und ist vollständig reversibel. Die Stadien 2 und 3 stehen für einen leichten bis mittleren Knochenverlust rund um die Zahnwurzel und sprechen auf Zahnsteinentfernung, Wurzeloberflächenglättung und gelegentlich einen kleineren chirurgischen Eingriff an. Stadium 4 bezeichnet einen fortgeschrittenen Knochenverlust, bei dem meist nur eine Extraktion oder ein rekonstruktiver Eingriff bleibt.
Die Stadieneinteilung ist erst nach Röntgenaufnahmen und Taschenmessungen möglich. Die Sichtkontrolle erkennt offensichtliche Erkrankungen, kann aber nicht bestimmen, welche Behandlung tatsächlich notwendig ist.
Nach dem Eingriff: Was ein Wiederauftreten der Erkrankung verhindert
Zahnstein beginnt sich bereits 48 Stunden nach einer sauberen Ausgangssituation erneut zu bilden. Ein professionelles COHAT schafft die Voraussetzungen dafür, dass die häusliche Pflege wirken kann. Es ersetzt die häusliche Pflege nicht.
Tägliches Zähneputzen mit einer weichen Bürste und einer speziell für Tiere entwickelten Zahnpasta ist die wirksamste Methode, um Zahnbelag zwischen den Eingriffen unter Kontrolle zu halten. In der Praxis ist das schwer durchzuhalten: Weniger als 4 von 100 Hundehaltern putzen täglich, und selbst nach der Diagnose einer Zahnfleischerkrankung bleibt weniger als die Hälfte konsequent dabei.
Produkte mit dem VOHC-Siegel, der Zertifizierung des Veterinary Oral Health Council für zahnpflegende Tierprodukte, erfüllen einen Mindeststandard an Wirksamkeit, garantieren aber nicht bei jedem Hund dasselbe Ergebnis. Für Halter, die nicht konsequent putzen können, sind sie eine gewisse Hilfe, ersetzen das Putzen jedoch nicht, und wer sich zu stark darauf verlässt, ist vom Ergebnis häufig enttäuscht.
Hunde mit konsequenter täglicher häuslicher Pflege benötigen in der Regel einmal jährlich ein professionelles COHAT. Kleine Hunderassen mit erhöhtem Risiko und ohne konsequente häusliche Pflege sollten alle sechs Monate kontrolliert werden.
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Zahnprophylaxe für Ihren Hund
Eine medizinische Zahnreinigung verhindert schwere Folgeerkrankungen bei Hunden nachhaltig. Als Fachtierärztin für Tierzahnmedizin (EVDC-Diplomate) setzt Dr. Eva Gasymova auf eine lückenlose Diagnostik unter dem Zahnfleischrand, um Zähne rechtzeitig zu schützen.
